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Interview mit unserer Autorin Theres Bausch-Walther

Bildquelle: Fotolia/Robert Kneschke

Interview mit unserer Autorin Theres Bausch-Walther

 

Frau Bausch-Walther ist Krankenschwester für Psychiatrische Pflege mit langjähriger Erfahrung in der Pflege betagter Menschen. Über viele Jahre erteilte sie Kurse und Praxisbegleitungen zum Thema „Betagte Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten“. 2018 veröffentlichte sie im W. Kohlhammer Verlag ein Buch mit dem Titel „Pflege von betagten Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten“.

 

 

 

 

Frau Bausch, wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Als Stationsleiterin in einem Psychiatrischen Krankenheim waren mein Team und ich sehr gefordert. In unsere Alters-Psychiatrische Langzeitabteilung wurden zunehmend auch Patienten vorübergehend zur Krisenintervention verlegt. Wir waren darauf angewiesen, unkomplizierte Wege zu finden, damit Langzeitbewohnerinnen und -bewohner nicht durch die Menschen in Krisensituationen beeinträchtigt wurden. So entstand ein praxisnahes Pflegekonzept, das laufend weiterentwickelt werden konnte.

 

Können Sie den Inhalt ihres Buches in wenigen Worten zusammenfassen?

Das Verhalten von betagten Menschen verändert sich häufig im Vergleich zu früheren Lebensabschnitten. Nicht selten zeigt sich das durch depressive Verstimmungen, häufiges Klagen, Unruhen oder verbale und tätliche Abwehr der Pflege. Die Anforderungen an das Pflegepersonal sind sehr hoch und die betroffenen betagten Menschen fühlen sich innerlich oft sehr einsam. Das Buch zeigt konkrete Möglichkeiten auf, wie während der alltäglichen Pflege und dem täglichen Umgang Verhaltensauffälligkeiten teilweise, oft sogar vollumfänglich, aufgefangen werden können. Das ist hilfreich für die Betroffenen und deren Umfeld.

 

Zum Thema Pflege betagter Menschen und Demenz gibt es schon zahlreiche Literatur. Worin sehen Sie die Besonderheit in Ihrer Lektüre?

Meine Erkenntnisse beruhen nicht auf Studien, Beobachtungen und Vergleichen. Da ich selber in der Betagtenpflege und später in Praxisbegleitungen häufig die Pflege von Menschen mit ausgeprägten Verhaltensauffälligkeiten ausführte, kann ich sehr praxisnah auf schwierige Situationen eingehen. Pflegende können den konkreten Alltag mit den zahlreichen Herausforderungen hautnah wiedererkennen. Darum sind die daraus entstandenen Lösungen für sie leicht verständlich und konkret umsetzbar. Zudem ist es mir in meiner Lektüre wichtig, den Pflegenden Mut zu machen, ihre Erfahrungen zu nutzen und darauf aufzubauen.

 

Können Sie ein Beispiel aus der Praxis näher beschreiben?

Gerne gebe ich an dieser Stelle ein Beispiel aus meinem Buch weiter.

Herr Rieder (Name geändert) ist leicht verwirrt und in den Bewegungen verlangsamt. Die Pflegende leitet ihn Schritt für Schritt an. Am Anfang scheint alles gut zu verlaufen, aber plötzlich schimpft er. Die Pflegende versucht ihn zu beruhigen und wieder zur Mithilfe zu motivieren. Er lässt sich zwar weiter pflegen, bleibt aber passiv. Plötzlich schimpft er wieder und schlägt nach der Pflegenden.

Das einerseits passive, andererseits aggressive Verhalten nehme immer mehr zu, berichten die Pflegenden. Eine Empathisch-Pflegende übernimmt die weitere Pflege von Herrn Rieder. Sie achtet darauf, nicht als kompetente Person aufzutreten, die weiß, was zu tun ist. Ihr Ziel ist es, dem Bewohner zu vermitteln, dass er noch vieles selber bestimmen kann und dass sein Mitdenken wertvoll ist. Sie möchte ihm Anerkennung geben, wenn er mithilft und bedient Herrn Rieder empathisch mit Sätzen wie: »Darf ich die Knöpfe schließen? … Geht das so für Sie? … Möchten Sie sich selbst rasieren?« Wenn Herr Rieder zögert, übernimmt sie die Pflegehandlung sofort für ihn, um ihn nicht zu überfordern.

Herr Rieder hilft im Laufe der Pflege aktiver mit und klopft ab und zu einen Spruch. Die Pflegende quittiert das mit Lachen. Auch bedankt sie sich für seine Mithilfe. Weil der Kontakt jetzt so gut ist, zeigt sie Herrn Rieder in besonderer Weise, dass seine Meinung wirklich gefragt ist. Sie fordert ihn auf:

»Sie können ruhig ein bisschen schimpfen, wenn ich etwas nicht recht mache.« Das ermutigt den Bewohner, zu sagen, was ihn bedrückt. Ganz leise antwortet er: »Nein, nein, hier muss man tun, was sie einem befehlen.«

Wer hätte gedacht, dass das freundliche Anleiten, wie Herr Rieder es erfahren hatte, bei ihm als Befehlen ankommt.
(Bausch-Walther, Pflege von betagten Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten, S. 86; © W. Kohlhammer Verlag, 2019)

 

Wie hat sich das Konzept bewährt?

Mit vielen Institutionen für betagte Menschen bin ich durch die vierteljährlichen Praxisbegleitungen über längere Zeit in Kontakt geblieben. Ich war sehr angenehm überrascht, wie konkret und erfolgreich zahlreiche Pflegepersonen, auch Hilfskräfte, das Konzept „Empathische Pflege nach Bausch“ umsetzen konnten. Mehrere Beispiele dazu sind in meinem Buch detailliert beschrieben.

Heute bin ich pensioniert. Das Buch habe ich bewusst so praxisnah und verständlich geschrieben, dass mein Konzept aufgrund dieser Lektüre verstanden und umgesetzt werden kann.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft in der Pflege betagter Menschen?

Der Fachkräftemangel besonders in der Pflege betagter Menschen ist bekannt. Ich wünsche mir eine klare Aufwertung des Pflegeberufes. Dies sollte sich natürlich in der Bezahlung der Pflegepersonen, auch der Hilfskräfte zeigen. Speziell für die Betagtenpflege wünschte ich mir zudem eine Aufwertung in Form von zusätzlichen Urlaubstagen. Selbst ein Minimum von drei zusätzlichen Tagen pro Jahr wäre ein wertschätzendes Zeichen für diese anspruchsvolle Aufgabe.

 

Wir danken Frau Bausch-Walther sehr für dieses schriftliche Interview!

 

Nähere Informationen zum Buch erhalten Sie, wenn Sie auf den folgenden Titel klicken:

Bausch-Walther: Pflege von betagten Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten, 2018 (ISBN: 978-3-17-033800-5)