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Das Konzept der „Begleitenden Hände“

Frau Wellens-Mücher, Sie sind Altenpflegerin, Heilpraktikerin und Akupressurlehrerin. Wodurch sind Sie auf die Methode der Akupressur aufmerksam geworden?

Das ist mehr als 35 Jahre her. Zu der Zeit arbeitete ich noch als MTA in einen Krankenhaus und erlebte mit, dass die ganzheitliche Sicht auf den Menschen langsam in der Schulmedizin an Bedeutung gewann. Einige Studenten im Praktischen Jahr, die im Haus arbeiteten, beschäftigten sich intensiver mit diesem Ansatz und in langen Nachdiensten diskutierten wir miteinander. Das war alles sehr interessant. Ich wurde neugierig und wollte mehr wissen. Da es mir von Anfang an um die Praxis ging, habe mich auf die Suche nach Methoden gemacht, die auf diesem Ansatz beruhen. Dazu zählt die chinesische Medizin mit Akupressur, Akupunktur sowie Qi Gong und Tai Chi. Diese Verfahren, die heute aus der Patientenversorgung nicht mehr wegzudenken sind, waren damals noch weitgehend unbekannt. Ich war sehr fasziniert von dem komplexen Wissen über die Zusammenhänge von Körper, Seele und Geist und den entsprechenden Behandlungsmöglichkeiten. Darüber wollte ich unbedingt so viel wie möglich lernen.

 

Unter Akupressur wird oftmals verstanden, Druck auf gewisse Punkte auszuüben um Linderung zu erreichen. Wie verstehen Sie Akupressur?

Es gibt sehr viel verschiedene Akupressurtechniken. Alle beziehen sich auf den Fluss der Lebenskraft Qi – entlang bestimmter Bahnen, der so genannten Meridiane und auf die darauf befindlichen Akupressurpunkte. Die Art, wie die Behandlung ausgeführt wird, variiert je nach dem, wo der Schwerpunkt gesetzt wird. Den Fluss des Qi zu regulieren ist für mich eine Möglichkeit, einem Menschen auf einer sehr tiefen Ebene zu begegnen. Aus diesem Grund führe ich Akupressur in Form einer einfühlsamen, behutsamen Berührung aus. Dabei entsteht über die Punkte eine Art respektvoller, annehmender Dialog zwischen mir und der zu behandelnden Person. Es entwickelt sich ein Miteinander, das für beide in der Reaktion der Punkte erlebbar ist. Für mich steht weniger die Technik als dieses Miteinander im Vordergrund. Das bedeutet aber nicht, dass ich auf Genauigkeit verzichte; die entwickelt sich aber ganz von alleine, wenn wir uns auf diese Art der Begegnung einlassen.

 

2016 erscheint die 2. Auflage Ihres Buches „Akupressur in Pflege und Betreuung. Praktische Anwendung des Konzepts ‚Begleitende Hände“. Wo wird das Konzept „Begleitenden Hände“ am erfolgreichsten eingesetzt?

Im Bereich der Onkologie und Palliativmedizin ist dieses Konzept inzwischen bekannt und wird in Hospizen, auf Onkologie- und Palliativstationen sowie im Rahmen der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) schon sehr viel angewendet. Dadurch, dass die Patienten dieser Einrichtungen oft unter Symptomen leiden, die teilweise nur schwer zu kontrollieren sind, gibt es eine große Offenheit für Methoden, die außerhalb der Schulmedizin angesiedelt sind. Inzwischen gibt es auch schon die ersten Altenpflegheime, die die Akupressur besonders bei demenziell erkrankten Bewohnern einsetzen. Dort wird die Erfahrung gemacht, dass zu Beginn Zeit investiert werden muss, dies sich aber auszahlt, da die Bewohner anschließend oft deutlich entspannter und zufriedener sind. Dies bedeutet nicht nur Zeitersparnis, sondern verbessert auch die gesamte Atmosphäre.

 

Ihr Buch ist als Praxisanleitung zu verstehen und bietet durch Bilder und Grafiken den Einstieg in die Akupressur. Wie viel Vorwissen braucht der Leser, um Akupressur im Alltag ausüben zu können?

Es geht weniger um Vorwissen, als um eine liebvolle zugewandte Haltung. In einem Hospiz hatte ein Gast in der Nacht einen quälenden Schluckauf. Er war im Sterbeprozess und seine Frau, die bei ihm saß, konnte das nur schwer mit ansehen. Sie hatte den Wunsch, ihm zu helfen. Sie hatte das Buch in der Wohnküche liegen sehen und schaute nach, ob es einen Punkt gegen Schluckauf gibt. Nachdem sie sich anhand der Bilder und Grafiken mit der Lokalisation vertraut gemacht hatte, hielt sie den Punkt bei ihrem Mann. Mit Erfolg. Ähnliche Rückmeldungen höre ich immer wieder, was mich sehr freut, da ich versucht habe, so zu schreiben, dass jeder die Punkte nutzen kann. In der nun erscheinenden 2. Auflage gibt es eine Liste der Symptome und der dafür wichtigsten Punkte sowie eine Übersicht aller Leitbahnen. Damit wird die Handhabung des Buches in akuten Situationen noch einfacher.

 

In Kapitel 3 Ihres Buches, „Anleitung von Angehörigen“, schreiben Sie über die positiven Effekte der Anwendung von Akupressur durch Familienmitglieder. Welche Erfolge – auch zwischenmenschlicher Art – können auf diese Weise eintreten?

Alleine darüber könnte ich ein Buch schreiben! Der wichtigste Aspekt ist, dass sich die Beziehungen verändern und die Angehörigen zusätzliche Kompetenzen in der Betreuung entwickeln. Dadurch, dass die Finger für eine Weile auf den Punkten ruhen, entsteht ein gemeinsames Innehalten. Der Austausch darüber, was jeder in der Begegnung mit den Punkten erlebt, kann Sprachlosigkeit überwinden.

Krebspatienten z. B. verändern sich körperlich zum Teil massiv auf Grund ihrer Erkrankung und der Behandlung. Das kann zu Scheu vor Berührung bis hin zu Ekel führen. Die Punktsequenzen sind festgelegt und diese „Formalisierung“ ist in solchen Situationen oft eine Brücke. Bei chronischen Erkrankungen kann die Akupressur zur Stabilisierung von Symptomen beitragen und akute Situationen entschärfen.

 

Wie kann die Akupressur bei Pflegebedürftigen den Pflegern selbst helfen?

Weiter oben habe ich die Haltung und Vorgehensweise beschrieben, wie wir die Akupressur in dem Konzept der „Begleitenden Hände“ ausführen. Bei dem Dialog mit den Punkten entwickelt sich von selbst eine ruhige Aufmerksamkeit, die sich in der ausführenden Person mehr und mehr ausbreitet. Viele Kolleginnen berichten, dass sie die Akupressur in der Arbeitszeit als Möglichkeit nutzen, um für sich selber einen Moment zu entspannen. Wir müssen nicht ruhig sein, um die Akupressur auszuführen, vielmehr werden wir dabei durch die Art der Anwendung automatisch ruhiger. Weiterhin zeigt die Erfahrung, dass die Akupressur eine besonders gute Möglichkeit bietet, mit Menschen in Beziehung zu treten, die dement oder komatös sind, mit denen also ein verbaler Austausch kaum möglich ist. Berührung an sich ist dann oft schon sehr hilfreich, im Kontakt mit den Punkten und dem Qi öffnet sich eine zusätzliche, sehr tiefe Ebene. Auf dieser sind solche Patienten oft sehr offen und zugänglich. Das vermindert unsere Hilflosigkeit, die wir manchmal im Kontakt mit solchen Patienten erleben. Weiterhin können wir viele der Punkte auch an uns selber halten, z. B. in akut schwierigen Situationen oder bei Schmerzen.

 

Sie gründeten die Schule MediAkupress®. Wie kann man sich eine Schulung bei Ihnen vorstellen?

Sowohl die Theorie als auch die Praxis sind uns zunächst einmal fremd. Schwerpunkt der Schulungen ist die Praxis. Es wird sehr viel aneinander geübt, um möglichst viel Fingerspitzengefühl und Sicherheit für die Anwendung aus der Fortbildung mitzunehmen. Die Theorie ist in die Praxis eingebettet, so dass das Wissen um die Hintergründe die Ausführung stützt.

Es gibt zum einen eine Fortbildung zum MediAkupress® Praktiker/Experten in Form von Modulen, die aber auch einzeln besucht werden können. Darüber hinaus gibt es Teamschulungen, wo wir in die Einrichtungen gehen. Dabei sucht sich das Team die für sie sinnvollen Inhalte selber aus. Häufig gehen wir dann gleich auch zu den Patienten bzw. Bewohnern, um den Transfer in die Praxis zu begleiten.

Inzwischen sind wir acht Dozentinnen, die deutschlandweit unterrichten. Ausführliche Informationen finden Sie unter www.mediakupress.de

 

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Kommunikation und Zufriedenheit

Frau Mantz, Ihr beruflicher Werdegang ist äußerst vielschichtig und spannt den Bogen von der Ausbildung zur staatlich anerkannten Altenpflegerin bis hin zur Gründerin und Leiterin der SprachGUT® Akademie. Können Sie die einzelnen Stationen kurz für uns nachzeichnen und uns beschreiben, was Sie zum jeweils nächsten Schritt bewogen hat?

Vorab ist es mir ein Bedürfnis zu erwähnen, dass ich meinen Weg zu keiner Zeit so geplant hatte. Ich bin ihn gegangen, so wie er sich zeigte, und ich folgte dabei stets mehr meinem Herzen als meinem Verstand. Diese Geschichte begann auf dem Schoß meiner Großmutter „Oma Maria“!

1968 auf ihrem Schoß in einer Großfamilie großgeworden, behütet und allzeit meine Augen auf sie gerichtet, wurde ich mit ihren Geschichten, mit Heinz Rühmann, Halma spielen, selbstgemachten Nudeln und auch mit den Tränen ihres Lebens groß. Sie öffnete mit das Herz, die Augen und die Ohren für das „Altsein“.

1988: staatliches Examen zur Altenpflegerin – große Freude, großes Engagement, großer Pioniergeist für mein Berufsbild.

1990: Ausbildung zur Stationsleiterin – sehr gute Absichten, noch größeres Engagement für Mitarbeiter – große Ernüchterung. Ich trug mit der Ausbildung den Stempel: „Die macht sich wichtig“. Es folgten Jahre des Fleißes und der Bemühung, es zu vielen Menschen im Berufsfeld recht machen zu wollen. Mit der Anpassung kam die Traurigkeit. Mit dem zu hohen Engagement die Erschöpfung. Mit der Missgunst und der Konkurrenz untereinander entstand Enttäuschung und dann Krankheit. Ich gab auf. Ich fühlte mich fremd und anders – nicht willkommen.

1995: Ausstieg aus dem Beruf mit dem persönlichen Schwur, mit diesen Menschen nichts mehr zu tun haben wollen.

1998: Wiedereinstieg aus wirtschaftlicher Not. Der Wille zum Überleben und die ursprüngliche Liebe zu meinem Beruf führten mich in nebenberufliche Bildungswege. Mein damaliges Ziel: MICH schützen und meinen Beruf mit Freude ausüben. Ich stieg ein in die Welt der Psychologie, Gesprächspsychotherapie, Kommunikation, bewusste Sprache, Entspannungstherapie. Ich analysierte Gespräche und umarmte Bäume. Ich hatte nichts zu verlieren, nur zu gewinnen. Rasch gewann ich an Kraft und Einsicht. Ich lernte viel, traf Entscheidungen, positionierte mich, bekam Gegenwind, aber: Ich stand. Herrlich!

2002: Ich hatte mich FÜR das Leben und neu FÜR meinen Beruf entschieden. Ich war wacher, selbstbewusster, führte und kommunizierte anders. Alles, was „schwierig“ war, weckte meine Neugierde. Ich war Pionierin der Lösungen – mein Team stand hinter mir. Mehr als 40 Pflegende in Voll- und Teilzeit.

2004: erste Unterrichtseinheiten an Berufsfachschulen in Berufskunde, Deutsch und Kommunikation (hätte ich nie gedacht… ).

Bis 2006: Reduzierung meiner Vollzeitstelle und parallel Aufbau meiner nebenberuflichen Tätigkeit. Erste eigene Seminare in Entspannungstherapie, Gruppenarbeiten und Teamentwicklung machten mir großen Spaß und erfüllten mich mit Sinn. Ich merkte, dass ich meine Erfahrungen gewinnbringend für andere weitergeben kann.

2007–2012: Ausstieg aus der Pflege mit der Möglichkeit ca. 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zweier Pflegeeinrichtungen zu begleiten und zu trainieren. Mein Auftrag: Psychohygiene, betriebliche Gesundheitsförderung, Sprachbewusstsein und Kommunikation. Ich spürte, ich bin in meinem Element. Als Assistentin der Geschäftsführung bekam ich große Verantwortung und erfüllte diese zugunsten der Mitarbeiter und Senioren. Parallel begann ich eigene Team- und Kommunikationskonzepte zu schreiben, bewarb mich damit bei öffentlichen Ausschreibungen.

2012–2014: Konzeptionelle und fachliche Leitung des ESF-geförderten Bildungsprojektes „Sprachbegleiterinnen und Sprachmentorinnen für das Gesundheitswesen“ in Berlin mit durchgehend sehr guten Bewertungen und wissenschaftlichen Evaluationen. Nun war mein berufliches Engagement auch öffentlich anerkannt. Die Nachfrage war hoch, die Rückmeldungen sehr positiv.

2015: Patentamtliche Eintragung der Wortmarke „SprachGUT®“ und Gründung der Akademie. Eine Schule, eine Bildungsstätte, die für das gute Gespräch, einen humanen Umgang miteinander und für Sprachsensibilität und Sprachkompetenz im Gesundheitsberuf steht. Die eigene Lebensfreude und Gesundheit werden reflektiert und gefördert.

2016: Ich leite die SprachGUT® Akademie, referiere auf Kongressbühnen, sensibilisiere Führungskräfte und Teams jeden Ranges, bereite Schüler vor (und dies in allen deutschsprachigen Ländern), veröffentliche in diesem Jahr mein zweites Fachbuch im W. Kohlhammer Verlag und kann manchmal nicht fassen, „was aus mir geworden“ ist. Große Freude und auch Stolz. Beides teile ich gerne mit meinen Kolleginnen und Kollegen.

 

Als Leiterin der SprachGUT® Akademie lehren Sie an Berufsfachschulen, Hochschulen und Kongressen im deutschsprachigen Raum die fachliche Bedeutung einer humanen Gesprächs- und Sprachkompetenz. Können Sie kurz skizzieren, worum es dabei geht?

Die Berufsgruppen im Gesundheitswesen stehen für die Gesundheit des Menschen. In Zeiten von Krankheit zu begleiten und zu führen, in seelischer Not und in Sterbeprozessen kompetent und menschlich im Berufsfeld zu wirken, ist deren Aufgabe. Der Anspruch der Health Care Branche spiegelt sich hörbar und spürbar in der Sprach- und Gesprächskultur von Führungskräften, interdisziplinären und disziplinären Teams wider. Menschen, die in Sorge, Angst und unter Belastung stehen, sind wesentlich empfindsamer im Gemüt und verletzlicher in der eigenen Würde. Worte und Gesten, Stimmungen und Atmosphäre werden sehr differenziert und sensibilisiert wahrgenommen. Somit steigt die Verantwortung für alle am Pflegeprozess Beteiligten. Worte wirken unmittelbar, gehen unter die Haut, wirken lange nach, erzeugen innere Bilder, Emotionen und wirken sich natürlich auf das Wohlbefinden Aller aus. Sprachkompetenz bedeutet für mich: „Meine Sprache und ich“. Bin ich sensibel für eigene Kommunikationsmuster? Weiß ich, was ich im beruflichen Kontext sage? Ist es mir möglich, Worte dem Dialogpartner gemäß zu wählen und ein Gespräch tatsächlich zu führen? Humane Gesprächskompetenz bedeutet, den Menschen mit seinen Emotionen, Stressoren und Ängsten ernst zu nehmen und ihn im Dialog „abzuholen“. Dabei hat man immer auch sich selbst in Blick und bleibt geschützt im Strom der Anforderungen. Wer dies lernt, trainiert und in der Pflegepraxis anbieten kann, ist sehr kompetent, wirkt sehr kompetent und bleibt selbstbestimmter in seinen Aktionen. Sprachkompetenz ist die Fähigkeit, seine fachlichen Kompetenzen zum zielorientierten und guten Ausdruck zu bringen und dabei in einer humanen Haltung auch die so wesentliche Menschlichkeit zu bewahren.

 

Wie kann die richtige Kommunikation im Alltag gerade Pflegefachkräften dabei helfen, sich besser vor Burnout zu schützen und eine größere Zufriedenheit im Beruf zu erlangen?

Sehr hilfreich ist die Sensibilisierung für eigene Sprachmuster und Gesprächsgewohnheiten. Wenn ich weiß, wie ich mich selbst ausdrücke, kann ich Einfluss darauf nehmen. Wenn ich es nicht merke (z.B. dass ich jemanden nicht anschaue oder nur mit einem halben Satz antworte), geschieht etwas, das ich weder benennen noch nachvollziehen noch ändern kann. Ohren auf, Augen auf, weniger sprechen, sich selbst beobachten.

Gut ist auch, bewusst die Qualität der Sprache und der Gespräche im Team miteinander zu reflektieren. Geben wir Lösungen genauso viel Aufmerksamkeit wie Schwierigkeiten? Wie schnell lassen wir uns von den Stressoren im Umfeld „anstecken“. Lachen wir? Schwärmen wir oder klagen und lästern wir zu viel? Auch hier gilt: alles in Maßen. Wenn Freundlichkeit auffällt oder ein gutes Wort Misstrauen oder Ironie weckt, klingeln bei mir die Alarmglocken. Kränkungen machen auf Dauer krank. Heilsame Worte sind Worte, die in Menschen Wohlbefinden und angenehme Bilder aktivieren. Wer immer im „müssen, schnell, Problem und Wahnsinn“ schwelgt, dem wird ein „sanft, Frohsinn oder liebäugeln“ kaum über die Lippen kommen. Wer über Zynismus und Sarkasmus nicht mehr hinauskommt, läuft Gefahr auszubrennen. Trainieren Sie Ihren Geist für positive Momente und sammeln Sie Wortschätze, um Ihnen Ausdruck zu verleihen. Menschliche Sprachbilder, gesundheitsfördernde Worte und Gesten heilen. Sie stehen uns allen zur Verfügung. Immer.

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Das Pflegebett der Zukunft

 

„Die Überlastung der Pflegekräfte kann durch neueste Technik verringert werden“

 

Herr Kitzig, Sie forschen als Elektrotechniker an der Weiterentwicklung des Pflegebetts. Was ist denn derzeit technisch schon möglich?

In letzter Zeit sind im Bereich der Top-Betten sehr viele Modelle auf den Markt gekommen, die viele nützliche und sinnvolle Features enthalten, sowohl für den Patienten als auch das Personal. Tatsächlich schon im Einsatz ist die sogenannte „Out-of-bed-Detektion“, also die automatische Erfassung, ob sich der Patient im Bett befindet. Der berühmte Sturz auf dem Weg zur Toilette wird somit frühzeitig erkannt: Ein Signal zeigt an, wenn der Patient während einer bestimmten Zeitspanne nicht ins Bett zurückkehrt. Das ist vor allem für den Heimbereich und die häusliche Pflege relevant. Die Meldesysteme geben das Signal in der Regel ins Stationszimmer, sie erweitern also den klassischen Rufknopf.

Hier gibt es ergänzend noch eine Unterbettbeleuchtung, die automatisch angeht, wenn der Patient aufsteht, und die so das Sturzrisiko verringert.

Die klassischen „Bettgalgen“ werden immer seltener verwendet, etabliert haben sich als Aufstehhilfen Bügel, die an der Seite des Bettes mittig angebracht sind. Außerdem gibt es Betten mit Röntgenfähigkeit und die Möglichkeit, den Patienten im Bett zu wiegen.

 

Und woran forschen Sie an der Hochschule Niederrhein bzw. der Universität Duisburg-Essen derzeit?

Wir arbeiten an der Funktionalisierung von Betten für den häuslichen Pflegebereich. Hierbei geht es darum, zum Beispiel die Herz- und Atemaktivität oder die Position der Person im Bett allein durch Sensoren im Bettgestell ableiten zu können, um frühzeitig eine Verschlechterung des Patientenzustands detektieren zu können. Das Ganze erfolgt präparationsfrei, also ohne „Verkabelung“ der Person. Konkret forsche ich zurzeit im Bereich der Modellbildung an einem mehrstufigen Modell, das zur Unterstützung in der Sensorentwicklung und im Bereich der Biosignalverarbeitung eingesetzt werden kann. Weiterhin arbeiten wir zum Beispiel im Bereich der Dekubitusprävention an einem Erkennungssystem, das die Körperlage des Patienten feststellt, also: Wo liegt jemand, wie bewegt er sich, bewegt er sich ausreichend oder bewegt er sich Richtung Bettrand, sodass wir gleichzeitig auch eine Aufsteh-Tendenz daraus ableiten können.

 

Was ist denn der Vorteil dieser präparationsfreien Technik etwa gegenüber einem EKG, an das der Patient ja heutzutage im Intensivbereich meist noch angeschlossen wird?

Der große Vorteil bei dieser Methode ist, dass der Patient durch die fehlende Verkabelung nicht unnötig gestört wird. Diese Technik wird in Zukunft aber wohl eher bei Patienten genutzt werden, die man nicht mehr zwingend an ein EKG anschließen muss, die aber zum Beispiel zur Nachsorge noch etwas länger begleitet werden sollen. Aber im Bereich der Intensivmedizin kann sich solch eine Technik nicht gegenüber dem Goldstandard des EKG durchsetzen. Das Verfahren nennt sich Ballistokardiografie, eine relativ alte Technik.

 

Was ist das, die Ballistokardiografie?

Die Technik gibt es schon seit 1877. Damals hat man das Bett mitsamt Patienten an Seilen an der Decke aufgehängt. Durch die auftretenden Kräfte des Herzens bewegte sich dann das Bett entsprechend der Herzaktivität. Das Verfahren ist eine Zeit lang eine Parallelentwicklung zum EKG gewesen. Sie können sich aber vorstellen, dass dieses Messsystem unglaublich aufwendig und störanfällig war. Denn neben dem Signal des Herzens spielte auch noch die Atmung mit hinein. Wir arbeiten heute mit Verfahren zur digitalen Signalverarbeitung und filtern die Daten. Die Idee, die Ballistokardiografie vor allem für den häuslichen Bereich wieder aufleben zu lassen, entstand, nachdem sich ein gesteigertes Interesse an präparationsfreien und unaufdringlichen Messsystemen zur Unterstützung von Menschen bildete, die weit weg von den großen Städten leben und natürlich auch medizinisch versorgt werden müssen, wie etwa in Japan.

 

Können Sie eine Prognose wagen, wann ein Bett mit dieser Technik dann tatsächlich auf den Markt kommen wird?

Das wird sicher in den nächsten Jahren kommen, einen genauen Zeitraum kann ich aber noch nicht nennen.

 

Welche unterschiedlichen Anforderungen stellen sich denn an Betten im Klinikbereich gegenüber dem Heim- bzw. häuslichen Bereich?

Im Krankenhaus spielt zunächst die Hygiene eine noch wichtigere Rolle als im häuslichen Bereich, die Betten müssen robust, leicht zu zerlegen und zu reinigen sein. Bei vielen Handgriffen muss eine Einhandbedienung möglich sein, des Weiteren müssen für den Notfall einzelne Teile abzumontieren sein, sodass man schnell an den Patienten herankommt. Die Einstellmöglichkeiten etwa des Rückenteils dienen im häuslichen Bereich vor allem dem Komfort, in der Klinik können diese therapeutisch genutzt werden, etwa für eine Schock- oder CPR-Lagerung. Im häuslichen Bereich möchte man außerdem, dass sich das Möbelstück optisch gut in die Umgebung einpasst.

 

Gerade für den häuslichen Bereich, wo ja häufig nicht permanent jemand vor Ort ist: Gibt es dort schon die Möglichkeit, dass Pflegekräfte oder Angehörige über das Bett mit der pflegebedürftigen Person kommunizieren?

Ja, da gibt es Ansätze, bei denen die Betten mit GSM- oder UMTS-Modulen ausgestattet sind. Wenn dann etwa die Out-of-Bed-Detektion die ausbleibende Rückkehr des Patienten meldet, wird zum einen ein Alarm an den Pflegedienst oder die Angehörigen gegeben, zum anderen besteht aber auch die Möglichkeit, über diese Technik direkt mit dem zu Pflegenden zu kommunizieren.

 

Welche Neuerungen gibt es denn im Bereich der Intensivbetten?

Es ist schon möglich, das Bett auf Knopfdruck in eine andere Position zu bringen, zum Beispiel für eine Reanimation. Außerdem gibt es bereits Betten, die man längs um 25 bis 30 Grad kippen kann, so kann man den Patienten etwa bei einer Lungenerkrankung entlasten. Die so erzielte Lageentlastung kann auch zur Genesung beitragen.

 

Was muss das Pflegebett der Zukunft sonst noch können?

Ein großes Thema ist inzwischen der Bedarf an XXL-Betten. Hier werden Betten auf den Markt gebracht, die 250 Kilo tragen und in der Breite angepasst sind. Ebenso gefragt sind Betten für besonders große Menschen.

Geforscht wird außerdem an Feuchte-Sensoren, auch die wiederum vor allem für die Dekubitusprophylaxe. Rein technisch gesehen könnte man sich auch vorstellen, ein kamerabasiertes System über das Bett zu bauen. Hierbei stellt sich aber die Frage, ob ein derartiger Eingriff in die Privatsphäre ethisch-moralisch vertretbar wäre, bislang gibt es hier noch rechtliche Restriktionen.

 

Welche Entlastungen hält das Bett für Pflegekräfte bereit?

Zum einen können wir durch diese Technik natürlich Arbeitsabläufe optimieren. Allerdings ist das Ziel natürlich nicht, die Pflege zu automatisieren. Aber es kann zum Beispiel das turnusmäßige Lagern der Patienten überflüssig werden, wenn die Sensorauswertung anzeigt, dass der Patient sich ausreichend bewegt hat. Dadurch kann die Überlastung der Pflegekräfte ein Stück weit zurückgefahren werden.

 

Wird das Bett der Zukunft denn auch auf Sprachbefehle reagieren können?

Man könnte sich sehr schön vorstellen, dass manche Dinge über die Sprache gesteuert werden, sodass man die Hände für andere Tätigkeiten frei hat. Das Thema liegt gerade im Trend, Sie können ja zum Beispiel Mobiltelefone mit Sprache steuern. Pflegebetten sind da aber mit einem Auto vergleichbar: Alles, was sicherheitsrelevant ist, wie etwa das Setzen des Blinkers, darf nicht über Sprachbefehle erfolgen.

 

Wie weit sind solche Top-Betten denn inzwischen verbreitet?

Nach meinen Recherchen sind das so etwa 20 bis 40 Betten, die auf die Stationen kommen. Das ist natürlich ein Kostenfaktor, wobei die Kliniken da keine Zahlen nennen. Im Heimbereich liegen die Preise pro Bett je nach Ausbaustufe zwischen 700 und ein paar Tausend Euro.

 

Das Interview führte Katja Marquardt

 

Andreas Kitzig, Master of Engineering, ist seit 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Elektrotechnik und Informatik an der Hochschule Niederrhein in Krefeld und beschäftigte sich zunächst mit Forschungsthemen im Bereich der robusten Spracherkennung und Sprachsignalverarbeitung. Seit 2013 ist er im Rahmen seines Promotionsvorhabens in Kooperation mit der Universität Duisburg-Essen im Forschungsfeld der Biosignalverarbeitung zur Funktionalisierung von Möbeln im Klinik- und Pflegeumfeld mittels präparationsfreier Sensorsysteme tätig.

Kontakt: andreas.kitzig@hs-niederrhein.de

Quelle/Bild:Reiber
Das geplante Pflegeberufsgesetz

Interview mit Frau Prof. Dr. rer. soc. Karin Reiber, Dipl.-Pädagogin und Krankenschwester, Professorin für Erziehungswissenschaft/Didaktik mit dem Schwerpunkt Pflegepädagogik/-didaktik an der Hochschule Esslingen und wissenschaftliche Leiterin des Didaktikzentrums.

 

Frau Professor Reiber, das Pflegeberufsgesetz soll noch in dieser Legislaturperiode in Kraft treten und die Ausbildungen in der Gesundheits- und Krankenpflege, der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und der Altenpflege in einem Gesetz vereinheitlichen. Ein entsprechender Referentenentwurf liegt seit Ende November 2015 vor. Gleichzeitig soll als Ergänzung zur beruflichen Pflegeausbildung ein Pflegestudium eingeführt werden. Die künftige Berufsbezeichnung lautet „Pflegefachfrau“ bzw. „Pflegefachmann“. Welche Vor- und Nachteile sehen Sie in der geplanten generalistischen Pflegeausbildung?

Einen Vorteil sehe ich darin, komplexe Pflegebedarfe angemessener adressieren zu können. Die Trennung nach Lebensaltern lässt sich in der Versorgungspraxis nicht mehr abbilden: Pflegekräfte sehen sich in Krankenhäusern zunehmend mit älteren, auch demenzkranken Patienten konfrontiert, während in Pflegeheimen die Anzahl der Bewohner/-innen mit komplexem Pflegebedarf zunimmt.

Für die künftigen Auszubildenden liegen die Vorteile darin, dass ihnen vielfältigere Beschäftigungsmöglichkeiten offen stehen und ein Pflegestudium als Ergänzung zur beruflichen Ausbildung eingeführt wird. Die Arbeitgeber wiederum profitieren vom flexibleren Einsatz der Pflegefachkräfte und deren breiterem Kompetenzprofil.

Auch im Zuge der europäischen Vereinheitlichung von Ausbildungsabschlüssen ist das geplante Gesetz sinnvoll.

Bezüglich der Nachteile möchte ich insbesondere auf den vorhandenen Fachkräftemangel im Bereich der Altenpflege hinweisen, der sich noch verstärken könnte. Da die generalistische Pflegeausbildung bereits in Form von Modellprojekten existiert, haben wir im Rahmen eines Forschungsprojekts die Auszubildenden zu ihren favorisierten Einsatzgebieten nach der Ausbildung befragt: Der Wunsch, nach der Ausbildung in einer Altenpflegeeinrichtung zu arbeiten, rangierte bei der Mehrzahl weit hinten.

 

Wie soll im Anschluss an die generalistische Ausbildung die Spezialisierung erfolgen?

Zum einen sind Vertiefungsmodule und Wahlpflichteinsätze zur Spezialisierung denkbar, die im Zeugnis ausgewiesen werden. Weitere Spezialisierungen können im Zuge von Fachweiterbildungen erfolgen, von denen voraussichtlich auch neue entstehen werden. Gleichzeitig könnte ich mir eine Spezialisierung im Rahmen eines Masterstudiengangs vorstellen, z. B. Advanced Nursing Practice mit fachlichen Vertiefungsschwerpunkten. Hier ist der Referentenentwurf allerdings nicht konkret genug.

 

Wenn Sie Einfluss auf den Gesetzgebungsprozess nehmen könnten: Welche Änderungen würden Sie vornehmen?

Zum jetzigen Zeitpunkt würde ich keine Änderungen vornehmen. Allerdings würde ich mir wünschen, dass bereits vorliegende Forschungsergebnisse bei der weiteren Ausarbeitung stärker mit einbezogen würden und die Umsetzung des Gesetzes durch Begleitforschung flankiert wird.

Nach Inkrafttreten des Gesetzes ist bei dessen Umsetzung unbedingt darauf zu achten, dass sich nicht die einzelnen Interessensgruppen mit ihren partikularen Forderungen durchsetzen, sondern die politische Vernunft mit dem Ziel einer sinnvollen evidenzbasierten Versorgungspraxis.

 

Links zum Thema:

Bundesministerium für Gesundheit
Pflege-Pädagogik