Selbstbestimmt sterben - Interview mit den Autoren des Buches "Sterbefasten"

Immer mehr Menschen, vor allem hochbetagte, interessieren sich für das sogenannte Sterbefasten, eine Methode, das eigene Leben selbstbestimmt zu beenden.

Die Autoren Peter Kaufmann (Präsident des Stiftungsrats palliacura), Manuel Trachsel (Leiter der Abteilung Klinische Ethik an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel) und Christian Walther (Neurobiologe i. R.) zeigen im Buch „Sterbefasten“ die Vielfalt der Erfahrungen des Freiwillen Verzichts auf Nahrung und Flüssigkeit in 21 Fallgeschichten auf und ergänzen diese durch mehrere Diskussionsbeiträge. Im Interview haben wir die Autoren zu den Hintergründen des Buches befragt.

Herr Walther, Sie waren der Initiator des Buchprojekts Sterbefasten. Welche Gründe gab es, dieses Thema erneut aufzugreifen? 

Walther: Zunächst: In den Medien gibt es noch immer eine ängstliche Zurückhaltung bei diesem Thema. Der Ärzteschaft wurde das Sterbefasten zwar 2019 durch die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin in einer ausgiebigen Empfehlung vorgestellt, doch diese blieb in vielem theoretisch. Vor allem wurde dort die Frage ausgeklammert, ob man auch Menschen beim Sterbefasten helfen soll, die noch nicht sterbenskrank sind – z.B. den Beginn einer Demenz bemerkt haben. Die Fallbeispiele, die wir sammeln konnten, zeigen, wie unterschiedlich die Gründe und die Abläufe sein können. Somit möchten wir mit dem Buch die Realität des Sterbefastens beleuchten – so gut das geht, wenn man sich auf Berichte anderer stützt.

Herr Kaufmann, als Präsident des Stiftungsrates palliacura in Zürich sind Sie nah am Thema. Was leistet die Stiftung palliacura und denken Sie, dass das Buch zur Aufklärung über das Thema beitragen wird.

Kaufmann: Die Stiftung palliacura unterstützt Aus- und Weiterbildungen im palliativen Bereich, aber auch Forschungsprojekte und dort unter anderem eine Studie zum Thema Sterbefasten. 2015 forderten einige EXIT-Mitglieder, dass die Sterbehilfeorganisation auch das Sterbefasten unterstütze. EXIT und auch palliacura sind indessen der Meinung, das Sterbefasten brauche keine eigens dafür spezialisierte Sterbebegleiter. Unsere Stiftung erklärte sich aber bereit, theoretische Grundlagen für die Begleitung Sterbefastender zusammenzustellen: Diese sind auf der Website www.sterbefasten.org veröffentlicht. Unser Buch ist eine umfassende Ergänzung zu den Fallbeispielen, die auf dieser Website erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht wurden. Zusätzlich habe ich gemeinsam mit Christian Walther für diese Website Fragen und Antworten (FAQ) erarbeitet – ein weltweit einmaliges Dokument mit grundlegenden Fakten zu juristischen, psychologischen, medizinischen, pflegerischen und ethischen Fragen rund ums Sterbefasten.

Herr Trachsel, Ihr universitäres Fachgebiet ist die Medizinethik. Haben Sie zum Thema „Sterbefasten“ eine klare Position, die Sie unter ethischen Gesichtspunkten vertreten können?

Trachsel: Ich befasse mich seit Jahren wissenschaftlich mit den Voraussetzungen für freiverantwortliche, selbstbestimmte Entscheidungen in der Medizin. Im Kontext des Sterbefastens ist aus ethischer Sicht besonders die Frage relevant, unter welchen Voraussetzungen sich die Entscheidung einer Person zu einem frühzeitigen Tod moralisch rechtfertigen lässt, so dass der Prozess des Sterbefastens durch Gesundheitsfachpersonen guten Gewissens begleitet werden kann. Zu nennen ist hier als Kriterium vorab die Selbstbestimmungsfähigkeit (auch Einwilligungs- oder Urteilsfähigkeit), aber auch das Fehlen von äußerem Druck oder unangemessener Beeinflussung hinsichtlich der Entscheidung. Die Selbstbestimmungsfähigkeit kann beispielsweise durch einige psychische Störungen, durch Substanzeinfluss oder durch ein Delir eingeschränkt sein.

Die Mehrzahl der sogenannt „harten“ Suizide basiert nicht auf einem freiverantwortlichen Willensakt, sondern erfolgt im Kontext schwerer psychischer Erkrankungen, weshalb die Prävention solcher Suizide zu Recht seit je her eine der wichtigsten Aufgaben der Psychiatrie ist. Allerdings gibt es auch selbstbestimmte, freiverantwortliche Entscheidungen, den eigenen Tod vorzeitig herbeizuführen, die von vielen, wenn auch nicht allen, als moralisch gerechtfertigt bewertet werden.

Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum § 217 Abs. 1 StGB vom 26. Februar 2020 hat auch das Thema Sterbefasten eine neue Dimension erhalten. Denken Sie, dass es für Betroffene und deren Angehörige in Zukunft leichter sein wird, den Schritt des Freiwilligen Verzichts auf Nahrung und Flüssigkeit am Lebensende zu gehen bzw. dass die professionelle Begleitung sich verbessert?

Walther: Vor dem Urteilsspruch gab es z.B. von der Deutschen Bundesärztekammer die Behauptung, jemanden beim Sterbefasten zu begleiten, sei keine Suizidhilfe – vorausgesetzt, es handle sich um einen todkranken Menschen. Das mag manche beruhigt, andere aber beunruhigt haben. Jetzt ist die Sorge, man könnte wegen geschäftsmäßiger Suizidhilfe bei wiederholtem Begleiten von Sterbefasten gegen § 217 verstoßen, vom Tisch. Einige Ärzte werden daher mutiger sein, wenn sie um Unterstützung gebeten werden; andere aber werden es eben nur machen, wenn jemand todkrank ist, aber nicht, wenn eine Person z.B. schon so lange an Multipler Sklerose oder Parkinson leidet, dass sie endlich sterben möchte.

Im Buch Sterbefasten beschreiben Sie 21 unterschiedliche Fälle. Dabei versuchen Sie, ein differenziertes Bild des Freiwillen Verzichts auf Nahrung und Flüssigkeit zu zeichnen. Lassen sich Voraussetzungen definieren bzw. typische Fälle beschreiben, bei denen der Freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit eine sinnvolle Methode darstellen kann, das eigene Leben selbstbestimmt zu beenden?

Kaufmann: Das Sterbefasten eignet sich vorab für willensstarke Menschen, die ihren selbstbestimmten Entschluss, jetzt sterben zu wollen, energisch umzusetzen verstehen. Eine wichtige Voraussetzung ist, dass sie von Angehörigen und/oder professionellen Pflegekräften unterstützt werden. Der Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit ist kein leichter Weg: Wer nicht mehr trinkt, stirbt keineswegs innerhalb von drei Tagen, wie viele Menschen irrtümlicherweise immer noch glauben. Wer nur auf Nahrung verzichtet, kann sogar wochenlang weiterleben. Genau dies ist aber die Stärke dieser Methode: Sie erlaubt ein längeres Abschiednehmen, das meist für die Angehörigen und Freunde bereichernder ist als ein abruptes Ende.

Welche Hürden sehen Sie derzeit, um einen offenen Umgang mit dem Thema Sterbefasten in der breiten Öffentlichkeit zu erlangen?

Walther: Es wird z.B. zuweilen so getan, als würde eine sachliche Darstellung des Themas in einer Zeitung oder einem Fernsehbeitrag zur Folge haben, dass sich dann massenhaft Leute zum Sterbefasten entscheiden würden. Das ist schon deshalb Unsinn, weil nur wenige dazu überhaupt die Energie hätten. Man betont dann gerne, dass es beim Sterbefasten diese oder jene Schwierigkeiten geben könne – damit es auf keinen Fall als eine positive Möglichkeit erscheint.

Kaufmann: Wer vor allem aus weltanschaulichen Gründen das Sterbefasten als Suizid einstuft, wird diese Methode kaum in Betracht ziehen können. In unserer Gesellschaft, in der die Selbstbestimmung einen hohen Stellenwert hat, entspricht das Sterbefasten jedoch den Bedürfnissen vieler.  Unser Buch vermittelt Fakten und Informationen zur gegenwärtig aktuellen Diskussion und dürfte somit mithelfen, um einige Vorurteile abzubauen.

Wir danken Herrn Kaufmann, Herrn Trachsel und Herrn Walther vielmals für das Interview.

Nähere Informationen zum Buch erhalten Sie hier:

Kaufmann/Trachsel/Walther: Sterbefasten. Fallbeispiele zur Diskussion über den Freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit, Kohlhammer, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-17-036664-0