Die Krise in der Krise – Brandbrief Pflege mit klarem Appell an Politik und Kollegium

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Über 480 Wissenschaftler, Lehrende, Pflegedirektoren, Führungskräfte, Spezialisten und Pflegefachkräfte fordern in einem Brandbrief die Politik dringend zur Unterstützung der Selbstverwaltung auf.

Corona-Pandemie und Pflegenotstand machen Versäumnisse der letzten Jahrzehnte deutlich spürbar.

Denn Pflege gehört zu den systemrelevanten Berufsgruppen unserer Gesellschaft – das wird jedem von uns in diesen Tagen immer wieder eindrücklich vor Augen geführt.

Parallel vor dem Hintergrund der derzeitigen pflegepolitischen Entwicklungen in Niedersachsen nehmen die ausgewiesenen Pflegeexperten in ihrem Brandbrief mit großer Besorgnis die derzeitige Situation der Pflege wahr.

„Der Pflegefachberuf ist von hoher Relevanz in unserem Gesundheitssystem, aber auch im gesellschaftlichen Kontext. Es gibt unserer Ansicht nach, keine Alternativen zur Pflegekammer.“ so der Apell.
Die Verfasser ergänzen: „Die Vernachlässigung der hochgradigen Bedeutung der Pflegeberufe kulminiert jetzt in der Corona-Krise: ohne Pflege als Beruf gibt es keine Versorgung. Ohne professionelle Pflege gibt es keine gute Versorgung. Ohne professionelle Pflege sterben Menschen und erleiden
Komplikationen. Aktuell zeigt sich jetzt immer deutlicher, dass für die Krisenzentren eine klare Ansprechperson aus der Pflege, jetzt mehr denn je, von Nöten wäre. Hier wäre die Bundes- Pflegekammer die angemessene berufspolitische Instanz, um Personen mit entsprechender Expertise an die
notwendigen Stellen zu vermitteln. Es wird deutlich, dass die Pflegekammer eine ganz wesentliche Aufgabe zur Sicherstellung der Gesundheit in Deutschland hat“.

Innerhalb von Europa ist Deutschland das Schlusslicht hinsichtlich des professionellen Status von Pflegefachpersonen.

Die Alterspyramide, Mehrfacherkrankungen, die Zunahme chronischer Leiden und unvorhersehbare Pandemien zwingt die Politik, die Interessen der Pflege und deren Beitrag für das Gemeinwohl innerhalb des Gesundheits- und Pflegewesens endlich anzuerkennen und es auf Augenhöhe sichtbar zu machen.

„Und dafür braucht es eine pflegerische Selbstverwaltung als Kammer und eine ehrliche politische Unterstützung, die nicht allein auf Resultate von Evaluationen verweist, deren Ergebnisse bereits methodisch 
anzuzweifeln sind. Auch eine Vollbefragung ist zum jetzigen Zeitpunkt ohne Wert! Denn die Pflege stellt sich der beruflichen und ethischen gesellschaftlichen Verantwortung und bringt ihre Expertise für eine qualitativ hochwertige und zielführende Entwicklung der Pflege für die zukünftigen
Herausforderungen ein“, so der einstimmige Tenor der Unterzeichner.

Gleichzeitig fordern sie auch alle anderen so wichtigen Handelnde, wie Gewerkschaften, Berufsverbände und Privatinitiativen auf, gemeinsam an eine starke und positive Entwicklung der Pflegefachberufe zu arbeiten, denn es braucht Solidarität statt Polarisierung innerhalb einer systemrelevanten Berufsgruppe.

„Gerade die derzeitige Situation verdeutlicht, welchen Stellenwert und welche Relevanz Pflegefachpersonen für die Gesellschaft und für das Gesundheits- und Pflegesystem einnehmen.

Das Jahr 2020 wurde international zum Jahr der „Pflegenden und Hebammen“ (Nursing Now) ausgerufen und verweist auf erheblichen zukünftigen Herausforderungen“, so die Initiatoren des Brandbriefes.

Hierzu lautet die unmissverständliche Botschaft aller Unterzeichner: „Ohne Pflegekammer wird es diese Entwicklung nicht geben, denn Pflege benötigt dringend mehr Entscheidungssouveränität. Die Infragestellung der pflegerischen Selbstverwaltung in Form einer Pflegekammer ist aus den genannten Gründen für uns indiskutabel.“

Wer gute Pflege will, muss deren Professionalität fördern!

Hintergrund:
Die Pflegekammer Niedersachsen ist als demokratisch legitimierte berufspolitische Vertretung aller rund 90.000 niedersächsischen Pflegefachpersonen am 1. Januar 2017 errichtet worden. Als größte
Heilberufekammer in Niedersachsen soll sie die Interessen der Pflege mit starker Stimme in die Entscheidungsprozesse der Pflege- und Gesundheitspolitik einbringen.

Mit der Einrichtung der Pflegekammer werden dem Berufsstand damit substanzielle Mitgestaltungsrechte bei der näheren Ausgestaltung und Anwendung des Berufsrechts übertragen. Das Kammergesetz
für die Heilberufe in der Pflege (PflegeKG) legitimiert und verpflichtet die Berufsgruppe, wesentliche Aufgaben in der politischen und qualitativen Gestaltung der Berufsausübung zu übernehmen und durch die demokratischen Strukturen haben die Mitglieder der Kammer die Möglichkeit, die Ausgestaltung mitzubestimmen.

Verfasser: 
Prof. Dr. rer. medic. habil. Martina Hasseler
Prof. Dr. Rosa Mazzola
Günter Thien

www.notruf-pflege.de